Lohnt sich der Umstieg von der DSLR zur spiegellosen Systemkamera?

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Tipps

Nach nur etwas mehr als zwei Jahren besteht das Z-System von Nikon nach der Vorstellung der Z 6II und der Z 7II aus insgesamt sechs verschiedenen Kameratypen und immerhin schon 16 Objektiven und zwei Telekonvertern.
Bei den ersten beiden Kameras des Z-Systems – der Nikon Z 6 und Z 7 – war der stärkste Kritikpunkt der einfache Speicherkartenslot. Dies hat sicherlich viele vom Kauf abgehalten, da man seit 10 Jahren bei allen höherwertigen Nikon Spiegelreflexkameras zwei Kartenfächer gewohnt war. Mit der Z 5, der Z 6II und der Z 7II gibt es nun aber drei spiegellose Kameramodelle mit zwei Speicherkartenfächern.
Für alle, die sich nun mit dem Gedanken befassen zum Nikon Z-System zu wechseln, möchte ich im Folgenden die wichtigsten Vor- und Nachteile gegenüber Spiegelreflexkameras erläutern.

Eine Frage des Prinzips

Bei spiegellosen System-Kameras ist der Abstand zwischen Objektiv Bildsensor recht klein (Bild: Nikon).

Der prinzipielle Unterschied zwischen den beiden Kamera-Systemen ist inzwischen sicherlich den meisten bekannt: Während bei einer Spiegelreflexkamera das Licht vom Motiv über einen Spiegel in den Sucher reflektiert wird, arbeitet eine spiegellose Systemkamera mit einem elektronischem Sucher, der direkt das Bild des Bildsensors zeigt. Da zwischen Objektiv und Bildsensor kein Spiegel mehr nötig ist, kann das Objektiv näher an den Sensor heran gerückt werden. Eine spiegellose Kamera kann dadurch etwas kleiner und leichter sein.

Optischer und elektronischer Sucher im Vergleich

Beim Fotografieren ergeben sich die größten Unterschiede durch die verschiedenen Sucher. Viele empfinden den Blick durch optischen Sucher einer Spiegelreflexkamera als angenehmer, da er die direkte und unverfälschte Sicht auf das Motiv ermöglicht. Meiner Ansicht nach ist die Qualität der elektronischen Sucher aber inzwischen so gut, dass die Vorteile deutlich überwiegen.

Bildvorschau: „What you see is what you get“

Auch wenn mir ein Spiegelreflex-Sucher Jahrzehnte lang gut gefallen hat, ist es mir inzwischen wichtiger, das Bild so zu sehen, wie es die Kamera sieht, denn dann lässt sich die Belichtung, der Weißabgleich und die Picture-Control-Einstellung direkt beurteilen und falls nötig unmittelbar korrigieren. Im Endeffekt kann man sich dadurch mehr auf das Motiv und die Bildgestaltung konzentrieren. Für Schwarz-Weiß-Fotografen bietet sich sogar die Möglichkeit, das Motiv direkt ohne Farben zu sehen und für die exakte Belichtung kann ein Histogramm eingeblendet werden. Bei wenig Licht ist das Bild im elektronischen Sucher außerdem deutlich heller, so dass man das Motiv und den Bildausschnitt viel besser erkennen kann. Bei strahlendem Sonnenschein ist es natürlich umgekehrt, hier ist ein optischer Sucher heller. Allerdings kann man hier aber durch die Sonne auch stark geblendet werden.

Für die Ausschnittsvergrößerung des Sucherbildes stehen drei verschiedene Vergrößerungsstufen zur Wahl.

Bildausschnitt vergrößern

Ein weiterer wichtiger Vorteil des elektronischen Suchers ist die Möglichkeit, das Sucherbild vergrößern zu können. Dazu kann in den Individualfunktionen eine Fn-Taste oder die OK-Taste unter Aufnahme mit Ausschnitt ein/aus wahlweise mit 50%, 100% oder 200% belegt werden. Das ist nicht nur beim manuellem Fokussieren hilfreich, sondern auch in Verbindung mit dem Autofokus, denn dann seht ihr schon vor der Aufnahme, ob der Fokus wirklich exakt sitzt.
Die Vergrößerung kann auch helfen, ein kleines Motiv besser zu erkennen und dadurch einfacher den besten Moment zum Auszulösen zu erwischen. Wenn man zum Beispiel einen Saal mit einem Redner fotografiert, kann der Redner vergrößert werden, um seine Mimik und Gestik genau zu verfolgen.

Bildkontrolle im Sucher

Im elektronischen Sucher könnt ihr auch sehr schnell und bequem die letzten Aufnahmen kontrollieren. Mit der digitalen Fotografie ist es ja für die meisten Fotografen eine Standardbewegung geworden, nach ein paar Aufnahmen die Kamera abzusetzen, um die Bilder auf dem rückwärtigen Display zu überprüfen (Display Chimping). Besonders beim Fotografieren von Personen kann diese Unterbrechung sehr störend sein, da das Absetzen der Kamera oft als Abschluss der Aufnahmen interpretiert wird. Die Konzentration geht dann leicht verloren. Mit einem elektronischem Sucher bekommt hingegen niemand mit, ob und wann ihr die Aufnahmen kontrolliert. Ihr könnt also ganz unauffällig die Schärfe, die Mimik und bei Blitzaufnahmen auch die Ausleuchtung überprüfen und falls nötig direkt Korrekturen vornehmen und die Aufnahme wiederholen. 
Um die Aufnahmen anzuschauen, könnt ihr im Wiedergabe-Menü die Automatische Bildkontrolle aktivieren. Für mich ist es aber angenehmer, per Tastendruck selbst zu entscheiden, wann ich die letzte Aufnahme sehen möchte. Bei der Z 50 kann die Wiedergabe-Taste bequem mit dem Daumen der rechten Hand erreicht werden. Bei den anderen Kameras bietet es sich an, eine Funktionstaste mit der Wiedergabe-Funktion zu belegen.

Nachteile des elektronischen Suchers

Ein prinzipieller Nachteil des elektronischen Suchers ist die minimale Verzögerung, mit der das Livebild dargestellt wird. Die Signalverarbeitung aktueller Kameras ist allerdings so schnell, dass dies in der Praxis kaum ein Rolle spielt. Vermeiden lässt sich die Latenz aber wahrscheinlich nie zu hundert Prozent. Dafür kann allerdings die Auslöseverzögerung etwas geringer sein, da das Hochklappen des Spiegels entfällt.
Bei speziellen Lichtquellen kann das Sucherbild eines elektronischen Suchers etwas flimmern, da sich verschiedene Frequenzen überlagern. Um Belichtungsschwankungen zu vermeiden, solltet ihr dann im Fotoaufnahme-Menü die Option Aufnahmen mit Flimmerreduktion einschalten.
Ein weiteres Problem kann bei der Fotografie mit Blitzlicht entstehen, denn hier wird die Vorschauhelligkeit ausschließlich automatisch geregelt. In den meisten Situationen funktioniert das zwar gut, bei dunklem Hintergrund kann es jedoch dazu führen, dass das Motiv in der Vorschau viel zu hell dargestellt wird. Ein dunkles Motiv vor hellem Hintergrund kann im Sucher demensprechend zu dunkel sein. Es ist zu hoffen, dass es in Zukunft eine Möglichkeit gibt, die Vorschauhelligkeit manuell zu regulieren.

Geräuschlose Auslösung

Insbesondere bei klassischen Konzerten – wie hier bei der Cello Akademie Rutesheim – wäre jedes Auslösegeräusch sehr störend.

Für mich war einer der entscheidenden Gründe für den Umstieg auf die Nikon Z 7 die lautlose Auslösung. Da ich viele Hochzeiten und andere Events fotografiere, bin ich öfter in Situationen, in der das Auslösegeräusch der Kamera stört. Ausschlaggebend war im Endeffekt der Auftrag, bei den Cello-Konzerten in Rutesheim zu fotografieren, denn hier war es Voraussetzung eine Kamera zu verwenden, die beim Auslösen keine Geräusche macht. Im Jahr zuvor hatte ich diese Aufnahmen mit der Nikon D850 gemacht. Auch sie bietet die Möglichkeit geräuschlos zu fotografieren, allerdings nur im Live-View-Modus. Das bedeutet dass man ausschließlich über das Display fotografieren kann und nur den langsamen Kontrast-Autofokus nutzen kann. Außerdem ist nur das Auslösen selbst geräuschlos, beim Starten und Beenden des Live-View-Modus ist der Verschluss und das Klappen des Spiegels natürlich trotzdem zu hören.
Bei den Nikon Z-Kameras ist hingegen ein praktisch vollkommen geräuschloser Betrieb möglich, da der mechanische Verschluss auch beim Ausschalten der Kamera offen bleibt. Nur das Schließen der Blende kann minimale Geräusche verursachen. Aufgrund des ↗ Rolling Shutter Effekts lässt sich der elektronische Verschluss leider nicht in jeder Situation verwenden, aber auch ohne die lautlose Auslösung haben spiegellose Kameras einen deutlichen Vorteil, da das Geräusch des hochklappenden Spiegels entfällt.

Autofokus

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist das Autofokus-System, denn Spiegelreflexkameras arbeiten mit speziellen AF-Sensoren, die sich im unteren Teil des Kameragehäuses befinden. Dieses System ist bei Nikon sehr weit entwickelt, es hat aber auch grundsätzliche Nachteile.

Abdeckung Fokuspunkte 

Die AF-Sensoren von Spiegelreflexkameras können prinzipbedingt nicht beliebig nah am Bildrand positioniert werden, da der Raum für den Hilfsspiegel, der das Licht nach unten zu den Sensoren umleitet, begrenzt ist. Daher befinden sich die Autofokus-Messfelder bekanntermaßen in einem mehr oder weniger großen Bereich in der Mitte des Sucherfeldes. Das hat zur Folge, dass bewegte Motive, bei denen der Fokus nachgeführt werden soll, nicht am Bildrand positioniert werden können. Bei Nikon Z-Kameras ist dies hingegen kein Problem, da die AF-Felder horizontal und vertikal etwa 90% des Bildfeldes abdecken.

Abdeckung der Fokus-Messfelder der Nikon Z 7 (links) im Vergleich zur Nikon D850 (rechts).
Abdeckung der Fokus-Messfelder bei der Nikon Z 7 (links) im Vergleich zur Nikon D850 (rechts).

Front- und Backfokus

Wenn AF-Sensoren bei Spiegelreflexkameras nicht exakt justiert sind, kann es zu einem Front- oder Backfokus kommen. Die maximale Schärfe liegt dann etwas vor oder hinter dem Motiv. Zwar lässt sich dies bei den höherwertigen Kameras durch die AF-Feinabstimmung korrigieren, der Prozess ist jedoch relativ aufwändig und fehleranfällig. Bei einer spiegellosen Kamera entfällt dieses Problem, da die AF-Sensoren in den Bildsensor integriert sind und sich somit direkt in der Schärfenebene befinden. Der Autofokus arbeitet daher in den meisten Fällen exakter als bei einer DSLR.

Augenerkennung und Motiv-Tracking

Die Gesichts- und Augenerkennung ist bei spiegellosen Kameras heutzutage schon fast eine Selbstverständlichkeit. Bei Spiegelreflexkameras lässt sich jedoch insbesondere die Augenerkennung kaum realisieren, da der Bildsensor während des Fokussierens nicht zur Verfügung steht. Stattdessen wird zur Motiverkennung der Sensor des Belichtungsmessers genutzt, der mit einer Auflösung von maximal 180.000 Pixeln aber nur rudimentäre Informationen liefert. Für eine zuverlässige Fokussierung auf die Augen haben DSLRs außerdem zu wenig Fokuspunkte. Daher ist gerade bei der Porträtfotografie die Arbeit mit einer spiegellosen Kamera sehr viel angenehmer. Aber auch die Motivverfolgung funktioniert hier deutlich besser.

Fotografieren mit dem klappbaren Display

Die meisten Nikon-Kameras verfügen über ein klappbares Display, so dass man sehr bequem auch aus ungewöhnlichen Perspektiven fotografieren kann. Bei spiegellosen Kameras ist es selbstverständlich, dass hier der selbe Autofokus zur Verfügung steht, wie beim Fotografieren über den Sucher. Hingegen arbeiten alle Nikon Spiegelreflexkameras – mit Ausnahme der D780 – im Live-View-Betrieb mit dem langsamen Kontrast-Autofokus. Bewegte Motive lassen sich damit kaum zufriedenstellend fotografieren. Mit den Nikon Z-Kameras habt ihr also bei der Sport- und Action-Fotografie deutlich mehr Möglichkeiten. Außerdem dauert bei einer Spiegelreflexkamera der Wechsel zwischen Sucher und Display deutlich länger, da der Live-View-Modus erst aktiviert werden muss.

Bildstabilisierung über den Sensor (IBIS)

Der Bildsensor der Vollformat-Z-Kameras kann in fünf Achsen bewegt werden (Bild: Nikon).

Ein weiterer wichtiger Vorteil der Nikon Z-Kameras ist der integrierte Bildstabilisator, der nach Angaben von Nikon eine längere Verschlusszeit entsprechend 5 Blendenstufen erlaubt. Es ist zwar prinzipiell möglich, einen stabilisierten Bildsensor auch in Spiegelreflexkameras einzubauen, es ist aber nicht davon auszugehen, dass Nikon diesen Schritt noch gehen wird. Möglicherweise ist der Durchmesser des F-Bajonetts dafür auch zu gering.
Im Gegensatz zu Sony und Canon verfügen bei Nikon bisher alle spiegellosen Vollformat-Kameras über einen IBIS (In-body image stabilization). So sind nun auch alle Objektive, die über den FTZ-Adapter angeschlossen werden, stabilisiert. Für mich ist das ein großer Vorteil, da es von Nikon unterhalb von 200 mm keine lichtstarken Festbrennweiten mit VR gibt. Außerdem ist der Stabilisator im Gehäuse bei kurzen Brennweiten effektiver als ein Stabilisator im Objektiv, da auch das Kippen und Drehen der Kamera ausgeglichen werden kann.

Akkulaufzeit

Die Akkulaufzeit ist bei spiegellosen Kameras prinzipbedingt deutlich kürzer als bei einer Spiegelreflexkamera, da der elektronische Sucher Strom verbraucht und der Bildsensor während der Vorschau in Betrieb ist. In der Praxis sind aber auch bei mit den Nikon Z-Kameras meistens deutlich mehr Aufnahmen möglich, als nach der CIPA-Norm angegeben sind. Im Endeffekt ist es entscheidend, wie lange die Kamera zwischen den Aufnahmen in Betrieb ist. Um eine möglichst lange Akkulaufzeit zu erreichen, lohnt es sich daher eine kurze Standby-Vorlaufzeit einzustellen oder die Kamera bei längeren Pausen zwischen den Aufnahmen abzuschalten.

Übersicht und Fazit

In der folgenden Tabelle habe ich noch einmal die grundsätzlichen Vor- und Nachteile der Kameras des Z-Systems gegenüber den digitalen Spiegelreflexkameras von Nikon aufgelistet.

VorteileNachteile
Allgemein • kleinere und leichtere Kameragehäuse
• geräuschlose Auslösung auch über den Sucher möglich
• schnelleres Wechseln zwischen Sucher und Display
• Bildstabilisierung über den Sensor (IBIS)
• höherer Stromverbrauch, daraus resultierend kürzere Akkulaufzeit


Sucher• Bildvorschau inkl. Bildstile wie Schwarz-Weiß (What you see is what you get)
• Bildvergrößerung möglich
• geringere Blendung durch Lichtquellen
• bei wenig Licht helleres Sucherbild
• Einblendung des Histogramms und weiterer Informationen möglich
• Bildkontrolle im Sucher
• minimale Verzögerung (Lag)
• bei Sonnenlicht dunkleres Sucherbild
• bei Highkey/Lowkey-Fotografie mit Blitzlicht kann die Vorschau problematisch sein
• mögliches Flimmern bei speziellen Lichtquellen

Autofokus• praktisch keine Probleme mit Front- und Backfokus
• Fokuspunkte decken fast das ganze Bildfeld ab
• Augen- und Tiererkennung sowie Motiv-Tracking
• schneller Phasen-AF auch bei der Fotografie über das klappbare Display und bei der Videoaufnahme
• AF in bestimmten Situationen nicht ganz so zackig



Nachdem ich nun seit über zwei Jahre mit der Nikon Z 7 fotografiere, kann ich sagen, dass sich der Schritt für mich definitiv gelohnt hat. Die Nachteile sind für mich in der Praxis so gut wie nicht relevant. Dafür bringen mir die positiven Eigenschaften echte Vorteile, da sie zum einen die fotografischen Möglichkeiten erweitern und zum anderen zuverlässiger zu guten Fotos führt. Unbrauchbare Aufnahmen durch falsche Belichtung kommen praktisch nicht mehr vor und auch der Autofokus der Z 7 gefällt mir insgesamt besser als bei den DSLRs. Beispielsweise möchte ich auf die Motivverfolgung über das ganze Bildfeld – sowohl im Sucher als auch über das Display – nicht mehr verzichten.